Was später eine ganze Reihe unterschiedlicher Rauschmittel vom Alkohol bis zum Morphium in allen möglichen Stärkegraden besorgen, wurde im Wiegenlied eingeübt: die Linderung des Schmerzes, als den jeder Einzelne das Leben erfährt und der betäubt werden muss, damit sich dennoch leben lässt. … Nur weil keine Kindheit jemals glücklich ist, sondern ausgeliefert dem Alb der Wirklichkeit, den die Erwachsenen als Realitätsprinzip kennen, müssen alle Kinder Nacht für Nacht aus der Welt hinaus- und in die selige Arglosigkeit des Schlafs hineingesungen werden. … Der Schlaf, dieser kleine Tod, ist notwendig, damit das wache Leben, das dem Tod ähnlicher ist als der Schlaf, ertragen werden kann. … Glücklicher Schlaf kann nicht erzwungen werden, sondern muss geschehen wie wahre Liebe oder ein sorgloser Tag. Weil immer schon fast alles dem entgegenstand, geben mythologische Darstellungen des Schlafs ihm Wächter an die Seite, die ihn hüten. Als späte Nachfolger dieser Wächter gaukeln die Wiegenlieder dem Kind einen Frieden vor, den es nicht gibt und an den es doch glauben muss, um die Augen zu schließen und das Bewusstsein zu jener Ruhe kommen zu lassen, die nötig ist, um bei Vernunft zu bleiben. Die Stimme, die das Kind in den Schlaf singt, ist der lebendige Statthalter des ewigen Friedens, den alle Menschen kennen, obwohl er niemals Wirklichkeit war. … Schon seit sie ihre Autonomie zu entdecken begann, legte Kunst Zeugnis von beidem ab, von der Notwendigkeit des Scheins als Anästhetikum gegenüber einer unerträglichen Realität und vom Versprechen einer Welt ohne Angst, das in dieser wie in jeder Betäubung beschlossen liegt. … Ästhetische Erfahrung ist die sublimierteste Form des Schlafs und dessen Gegenteil, weil sie aufweckt, was im Wachzustand in den Menschen schlafen muss, damit sie funktionieren können. … Ästhetik ist Anästhetik: Keine authentische Kunst, die nicht in jeder ihrer Konfigurationen dieser untergründigen Verwandtschaft gewahr wäre. … Indem er [der Schlaf] die bürgerlichen Individuen in ihrem innersten Prinzip in Frage stellt, ist er Statthalter des Glücksversprechens, das sie in ihrem Tagesleben verraten müssen, um sich selbst zu erhalten.
… Mit dem Niedergang des Bürgertums und der schlechten Aufhebung des Gegensatzes zwischen einer verkümmerten Privatsphäre und einer heteronomen Öffentlichkeit schwindet auch das Glücksversprechen des Schlafs. Während die Kinderzimmer zu düsteren Nachwuchsabstellräumen werden, wird das Schlafzimmer der Erwachsenen zur Gruft, in der sie ihre Lüste begraben wie ihre Kunst im Museum. … Wo es noch Schlafzimmer gibt, sind sie nicht letzte Residuen des Intimen, sondern toter, überflüssiger und hässlicher Raum in einer Privatsphäre, die sich ihre Geborgenheit selbst nicht mehr glaubt. … Die Schlafstatt ist nur noch ein Sarg oder Teil eines mobilen Pfadfinderlagers, öde oder pompös, vernachlässigt oder aufgemotzt, schaler Nachklang eines Versprechens, das nie eingelöst wurde. … Von der Drohung der Wehrlosigkeit erlöst, ist das Gesicht des Schlafenden Sinnbild jenes Friedensschlusses, mit dem die Menschheit nicht nur den Schlaf, sondern das Leben vom Joch der Angst befreit.
Man möchte nahezu jeden Satz, wie so oft bei Magnus Klaue, zitiert sehen. Überzeugend scharfsinnig, erkenntnisbringend und dargestellt mit ästhetischem Anspruch
Magnus Klaue: Kein schöner Land. Eine Erinnerung an das vergessene Drittel des Lebens.

Der Schlaf und sein Halbbruder.