Posts tagged "Geschichte"

Die Geschichte als eine Anhäufung von Trümmern gedacht. Sympathische Herangehensweise und doch nicht dialektisch genug..

The nature of this melancholy becomes clearer, once one asks the  question, with whom does the historical writer of historicism actually  empathize. The answer is irrefutably with the victor. Those who  currently rule are however the heirs of all those who have ever been  victorious. Empathy with the victors thus comes to benefit the current  rulers every time.
- Walter Benjamin
Gewinnen und verlieren sind nicht die Kategorien des Weltgeists. Ob jeder Augenblick seine revolutionäre Chance mit sich trägt; vermutlich stimmt das, doch was hat das schon zu bedeuten. Kein bloßes Warten auf Messias, Geschichte, Fortschritt jedenfalls. Kein bloßes Werkeln zugleich.
Revolutionen sind der Griff nach der Notbremse? Der unaufhaltsame, auf Trümmern und immer mehr Trümmern sich vollziehende Fortschritt ist demnach nicht die revolutionäre, voranpreschende Lokomotive, sondern müsste sein, die Beendigung des Entfaltungsdrucks, des Maximierungszwangs. Ein Stopp der Leichenberge; zu sich selbst gekommene Geschichtsphilosophie, die das Siegergeschreibsel endlich ablöst. Der paradiesische Sturm ist ausgeblasen - sobald die Religion Kapitalismus überwunden werden konnte.
Später aber wird dies überblickt werden..
Brecht notierte nach der Lektüre: „Man denkt mit Schrecken daran, wie  klein die Anzahl derer ist, die bereit sind, so was wenigstens  misszuverstehen.“

The nature of this melancholy becomes clearer, once one asks the question, with whom does the historical writer of historicism actually empathize. The answer is irrefutably with the victor. Those who currently rule are however the heirs of all those who have ever been victorious. Empathy with the victors thus comes to benefit the current rulers every time.

- Walter Benjamin

Gewinnen und verlieren sind nicht die Kategorien des Weltgeists. Ob jeder Augenblick seine revolutionäre Chance mit sich trägt; vermutlich stimmt das, doch was hat das schon zu bedeuten. Kein bloßes Warten auf Messias, Geschichte, Fortschritt jedenfalls. Kein bloßes Werkeln zugleich.

Revolutionen sind der Griff nach der Notbremse? Der unaufhaltsame, auf Trümmern und immer mehr Trümmern sich vollziehende Fortschritt ist demnach nicht die revolutionäre, voranpreschende Lokomotive, sondern müsste sein, die Beendigung des Entfaltungsdrucks, des Maximierungszwangs. Ein Stopp der Leichenberge; zu sich selbst gekommene Geschichtsphilosophie, die das Siegergeschreibsel endlich ablöst. Der paradiesische Sturm ist ausgeblasen - sobald die Religion Kapitalismus überwunden werden konnte.

Später aber wird dies überblickt werden..

Brecht notierte nach der Lektüre: „Man denkt mit Schrecken daran, wie klein die Anzahl derer ist, die bereit sind, so was wenigstens misszuverstehen.“


Hermann Lotze (* 21. Mai 1817 in Bautzen; † 1. Juli 1881 in Berlin), der da meint:
Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths gehört … neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft. 
Zitiert nach Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, den diese Reflexion darauf führt, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat. Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können. Es schwingt, mit anderen Worten, in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit.

Hermann Lotze (* 21. Mai 1817 in Bautzen; † 1. Juli 1881 in Berlin), der da meint:

Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths gehört … neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.

Zitiert nach Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, den diese Reflexion darauf führt, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat. Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können. Es schwingt, mit anderen Worten, in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit.


W. Benjamins Geschichtsthesen drängen sich wieder auf: ”..die     Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.”

»Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths«, sagt  Lotze, »gehört - neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine  Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.« Diese Reflexion führt darauf,     daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert  ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat.     Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet     haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten  geben können. Es schwingt, mit andern Worten, in der Vorstellung des Glücks  unveräußerlich die der Erlösung mit. Mit der Vorstellung von Vergangenheit,  welche die Geschichte zu ihrer Sache macht, verhält es sich ebenso. Die  Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung  verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die  Früheren gewesen ist? ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein  Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern,  die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime  Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf  der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war,  eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit  Anspruch hat. Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen. Der historische  Materialist weiß darum.
[ … ]
Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf  Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die  Vergangenheit festzuhalten. ´Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen´ - dieses  Wort, das von Gottfried Keller stammt, bezeichnet im Geschichtsbild des  Historismus genau die Stelle, an der es vom historischen Materialismus  durchschlagen wird. Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit,  das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint     erkannte.

W. Benjamins Geschichtsthesen drängen sich wieder auf: ”..die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.”

»Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths«, sagt Lotze, »gehört - neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.« Diese Reflexion führt darauf, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat. Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können. Es schwingt, mit andern Worten, in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit. Mit der Vorstellung von Vergangenheit, welche die Geschichte zu ihrer Sache macht, verhält es sich ebenso. Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern, die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat. Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen. Der historische Materialist weiß darum.

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Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten. ´Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen´ - dieses Wort, das von Gottfried Keller stammt, bezeichnet im Geschichtsbild des Historismus genau die Stelle, an der es vom historischen Materialismus durchschlagen wird. Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.


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Zur Illustration der Theorie der Gespenster: Gerhard Polt mit Fast wia im richtign Leben.

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Das gestörte Verhältnis zu den Toten - daß sie vergessen werden und einbalsamiert - ist eines der Symptome fürs Kranksein der Erfahrung heute. Fast ließe sich sagen, es sei der Begriff des menschlichen Lebens selber, als der Einheit der Geschichte eines Menschen, hinfällig geworden: das Leben des Einzelnen wird bloß noch durch sein Gegenteil, die Vernichtung definiert, hat aber jede Einstimmigkeit, jede Kontinuität der bewußten Erinnerung und des unwillkürlichen Gedächtnisses - den Sinn verloren.

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Was allen Gefühlen widerfährt, die Ächtung dessen, was keinen Marktwert hat, widerfährt am schroffsten dem, woraus nicht einmal die psychologische Wiederherstellung der Arbeitskraft zu ziehen ist, der Trauer. Sie wird zum Wundmal der Zivilisation, zur asozialen Sentimentalität, die verrät, daß es immer noch nicht ganz gelungen ist, die Menschen aufs Reich der Zwecke zu vereidigen. Darum wird Trauer mehr als alles andere verschandelt, bewußt zur gesellschaftlichen Formalität gemacht, welche die schöne Leiche den Verhärteten weithin schon immer war. Im funeral home und Krematorium, wo der Tote zur transportablen Asche, zum lästigen Eigentum verarbeitet wird, ist es in der Tat unzeitgemäß, sich gehen zu lassen, und jenes Mädchen, das stolz das Begräbnis erster Klasse der Großmutter beschrieb und hinzufügte: »a pity that daddy lost control«, weil dieser ein paar Tränen vergoß, drückt genau die Sachlage aus. In Wahrheit wird den Toten angetan, was den alten Juden als ärgster Fluch galt: nicht gedacht soll deiner werden. An den Toten lassen die Menschen die Verzweiflung darüber aus, daß sie ihrer selber nicht mehr gedenken.

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Die Weise, in der manche Hinterbliebene nach dem Tod eines Angehörigen ihr Leben neu organisieren, der betriebsame Kult mit dem Toten oder umgekehrt, das als Takt rationalisierte Vergessen, sind das moderne Gegenstück zum Spuk, der, unsublimiert, als Spiritismus weiterwuchert. Einzig das ganz bewußt gemachte Grauen vor der Vernichtung setzt das rechte Verhältnis zu den Toten: die Einheit mit ihnen, weil wir wie sie Opfer desselben Verhältnisses und derselben enttäuschten Hoffnung sind.

aus: Adorno/ Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Zur Theorie der Gespenster.


»Was allen Gefühlen widerfährt, die Ächtung dessen, was keinen Marktwert hat, widerfährt am schroffsten dem, woraus nicht einmal die psychologische Wiederherstellung der Arbeitskraft zu ziehen ist, der Trauer. Sie wird zum Wundmal der Zivilisation, zur asozialen Sentimentalität, die verrät, daß es immer noch nicht ganz gelungen ist, die Menschen aufs Reich der Zwecke zu vereidigen. Darum wird Trauer mehr als alles andere verschandelt, bewußt zur gesellschaftlichen Formalität gemacht, welche die schöne Leiche den Verhärteten weithin schon immer war. Im funeral home und Krematorium, wo der Tote zur transportablen Asche, zum lästigenEigentum verarbeitet wird, ist es in der Tat unzeitgemäß, sich gehen zu lassen, und jenes Mädchen, das stolz das Begräbnis erster Klasse der Großmutter beschrieb und hinzufügte: »a pity that daddy lost control«, weil dieser ein paar Tränen vergoß, drückt genau die Sachlage aus. In Wahrheit wird den Toten angetan, was den alten Juden als ärgster Fluch galt: nicht gedacht soll deiner werden. An den Toten lassen die Menschen die Verzweiflung darüber aus, daß sie ihrer selber nicht mehr gedenken.«

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Adorno & Horkheimer / Dialektik der Aufklärung: Zur Theorie der Gespenster.

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 Es schwingt […] in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit. Mit der Vorstellung von Vergangenheit, welche die Geschichte zu ihrer Sache macht, verhält es sich ebenso. Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? Ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten? Haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern, die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat. Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen. Der historische Materialist weiß darum.

Walter Benjamin


Die systematische Einheit der Geschichte, die den individuellen Leiden Sinn geben oder erhaben zu Zufälligen es degradieren soll, ist die philosophische Zueignung des Labyrinths, in dem die Menschen bis heute gefront haben, der Inbegriff des Leidens. Im Bannkreis der Geschichte ist das Neue, der Fortschritt, Altem gleich als immer neues Unheil. Das neue erkennen bedeutet nicht, ihm und der Bewegtheit sich einschmiegen, sondern ihrer Starrheit widerstehen, den Marsch der welthistorischen Bataillone als Treten auf der Stelle erraten.
Adorno, Theodor W.: Reflexionen zur Klassentheorie, in: Gesellschaftstheorie und Kulturkritik, edition suhrkamp, Frankfurt a. M. 1972.

Die (deutsche) Misere

Once Upon a Time in Pyongyang