»Was allen Gefühlen widerfährt, die Ächtung dessen, was keinen Marktwert hat, widerfährt am schroffsten dem, woraus nicht einmal die psychologische Wiederherstellung der Arbeitskraft zu ziehen ist, der Trauer. Sie wird zum Wundmal der Zivilisation, zur asozialen Sentimentalität, die verrät, daß es immer noch nicht ganz gelungen ist, die Menschen aufs Reich der Zwecke zu vereidigen. Darum wird Trauer mehr als alles andere verschandelt, bewußt zur gesellschaftlichen Formalität gemacht, welche die schöne Leiche den Verhärteten weithin schon immer war. Im funeral home und Krematorium, wo der Tote zur transportablen Asche, zum lästigenEigentum verarbeitet wird, ist es in der Tat unzeitgemäß, sich gehen zu lassen, und jenes Mädchen, das stolz das Begräbnis erster Klasse der Großmutter beschrieb und hinzufügte: »a pity that daddy lost control«, weil dieser ein paar Tränen vergoß, drückt genau die Sachlage aus. In Wahrheit wird den Toten angetan, was den alten Juden als ärgster Fluch galt: nicht gedacht soll deiner werden. An den Toten lassen die Menschen die Verzweiflung darüber aus, daß sie ihrer selber nicht mehr gedenken.«
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Adorno & Horkheimer / Dialektik der Aufklärung: Zur Theorie der Gespenster.
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Die systematische Einheit der Geschichte, die den individuellen Leiden Sinn geben oder erhaben zu Zufälligen es degradieren soll, ist die philosophische Zueignung des Labyrinths, in dem die Menschen bis heute gefront haben, der Inbegriff des Leidens. Im Bannkreis der Geschichte ist das Neue, der Fortschritt, Altem gleich als immer neues Unheil. Das neue erkennen bedeutet nicht, ihm und der Bewegtheit sich einschmiegen, sondern ihrer Starrheit widerstehen, den Marsch der welthistorischen Bataillone als Treten auf der Stelle erraten.
Adorno, Theodor W.: Reflexionen zur Klassentheorie, in: Gesellschaftstheorie und Kulturkritik, edition suhrkamp, Frankfurt a. M. 1972.