Posts tagged "Walter Benjamin"

B[enjamin] gibt ein Knautschen von sich, jammert über sich und seinen Zustand, über die Unwürde dieses Zustands. Er spricht von ihm als ‘Ungezogenheit’. Versucht eine psychologische Ableitung der Ungezogenheit; […] der wahre Grund der Ungezogenheit sei der Verdruß des Kindes darüber, daß es nicht zaubern kann. Die erste Erfahrung, die das Kind mit der Welt macht, sei nicht, daß die Erwachsenen stärker sind, sondern daß es nicht zaubern kann.
Gleichzeitig wird kritisch geäußert, daß die Versuchsbedingungen ungünstig sind. Solch ein Versuch müsse im Palmenwald erfolgen.
Fritz Fränkel: Protokoll des Meskalinversuchs vom 22. Mai 1934, in: Hermann Schweppenhäuser (Hg. u.a.): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main 1991, Band VI, S. 606. (via diesebastionbehrisch)

Blixa Bargeld: Ich zitiere gerne Walter Benjamin:

„Der destruktive Charakter ist heiter und freundlich. Er kennt nur ein Ziel: Platz schaffen.“

Zerstörung war für uns nie Zerstörung im Sinne eines Gewaltaktes. Sie diente uns immer eher dazu, Platz zu schaffen. Auch wenn viele Sachen auf der Bühne kaputtgingen und ich über die Jahre diverse Narben und Knochenbrüche davontrug.
Antizipation des Guten durch Kaputthaun, Anti-Ästhetik des Häßlichen und wirrem Jargon? Jugend- und Zerstörungskult? Idealismus, zu wenig dialektischer Umgang mit der bürgerlichen Gesellschaft?
Dazu gibts drei weitere Zitate, drei Lieblinge:
“Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.” lässt Georg Büchner den Lenz grübeln.“Die erste Gestalt der Hoffnung ist die Furcht, die erste Erscheinung des Neuen der Schrecken.” merkt Heiner Müller zum Mauser an, den stalinistischen Terror verhandelnd und wird dafür in der Zone verboten.Erwin Kostedde ”[..] möchte nie mehr arbeiten, sondern nur noch am Tresen stehen und saufen.”
Das Kaputtmachen der bürgerlichen Gesellschaft war für Benjamin so gesetzt, dass die heitere und fröhliche proletarische Neuschöpfung das Alte verdrängt, allzu Menschliches an die Stelle des Alten und Ausgedienten, von Erfahrungsarmut Gezeichneten tritt (und dabei keine Spuren hinterlässt); mit dem freien Fall dahinter zurück hat er trotz Angelus Novus nicht kalkulieren wollen. Wenn also die Menschen schon nicht auf den Köpfen gehen, die Verhältnisse zum Tanzen bringen wollen, bestenfalls ‘auf den unmittelbaren Lustgewinn erpicht’ (W. Pohrt) am Tresen stehen und saufen, dann ist nicht mit der Pistole in den Steinbruch zu gehen, den Schrecken ohne Erscheinung des Neuen vorauszuschicken, Köpfe zu zerschlagen und Hoffnung in Furcht zu verwandeln.

Blixa Bargeld: Ich zitiere gerne Walter Benjamin:

„Der destruktive Charakter ist heiter und freundlich. Er kennt nur ein Ziel: Platz schaffen.“

Zerstörung war für uns nie Zerstörung im Sinne eines Gewaltaktes. Sie diente uns immer eher dazu, Platz zu schaffen. Auch wenn viele Sachen auf der Bühne kaputtgingen und ich über die Jahre diverse Narben und Knochenbrüche davontrug.

Antizipation des Guten durch Kaputthaun, Anti-Ästhetik des Häßlichen und wirrem Jargon? Jugend- und Zerstörungskult? Idealismus, zu wenig dialektischer Umgang mit der bürgerlichen Gesellschaft?

Dazu gibts drei weitere Zitate, drei Lieblinge:

“Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.” lässt Georg Büchner den Lenz grübeln.

“Die erste Gestalt der Hoffnung ist die Furcht,
die erste Erscheinung des Neuen der Schrecken.” merkt Heiner Müller zum Mauser an, den stalinistischen Terror verhandelnd und wird dafür in der Zone verboten.

Erwin Kostedde ”[..] möchte nie mehr arbeiten, sondern nur noch am Tresen stehen und saufen.”

Das Kaputtmachen der bürgerlichen Gesellschaft war für Benjamin so gesetzt, dass die heitere und fröhliche proletarische Neuschöpfung das Alte verdrängt, allzu Menschliches an die Stelle des Alten und Ausgedienten, von Erfahrungsarmut Gezeichneten tritt (und dabei keine Spuren hinterlässt); mit dem freien Fall dahinter zurück hat er trotz Angelus Novus nicht kalkulieren wollen. Wenn also die Menschen schon nicht auf den Köpfen gehen, die Verhältnisse zum Tanzen bringen wollen, bestenfalls ‘auf den unmittelbaren Lustgewinn erpicht’ (W. Pohrt) am Tresen stehen und saufen, dann ist nicht mit der Pistole in den Steinbruch zu gehen, den Schrecken ohne Erscheinung des Neuen vorauszuschicken, Köpfe zu zerschlagen und Hoffnung in Furcht zu verwandeln.


Und dennoch halte ich den Benjamin hoch.

Und dennoch halte ich den Benjamin hoch.


Wird im Spätkapitalismus überhaupt noch Neues hervorgebracht, das einer so behaupteten Analyse würdig wäre? Selbstverständlich geht es nicht um Würde, doch halte ich ich das Wort aus der Dialektik der Aufklärung entscheidend und keine Theorie der Armut kommt umhin, festzuhalten:
„Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit“
War das materielle und ideelle Klima zu Benjamins Stunde wesentlich anders? Wo ist der Sürrealismus “unserer Zeit”? Oder gar Tumblr als ein Medium der bad new ones? Zitieren alleine macht nicht den Weg zum Kommunismus und die Erfahrungsarmut des Kollektiv ist eher selbstbezeichnend als großes Sprungbrett.

Wird im Spätkapitalismus überhaupt noch Neues hervorgebracht, das einer so behaupteten Analyse würdig wäre? Selbstverständlich geht es nicht um Würde, doch halte ich ich das Wort aus der Dialektik der Aufklärung entscheidend und keine Theorie der Armut kommt umhin, festzuhalten:

Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit

War das materielle und ideelle Klima zu Benjamins Stunde wesentlich anders? Wo ist der Sürrealismus “unserer Zeit”? Oder gar Tumblr als ein Medium der bad new ones? Zitieren alleine macht nicht den Weg zum Kommunismus und die Erfahrungsarmut des Kollektiv ist eher selbstbezeichnend als großes Sprungbrett.


Die Geschichte als eine Anhäufung von Trümmern gedacht. Sympathische Herangehensweise und doch nicht dialektisch genug..

“Immer radikal.”

“Immer radikal.”


The nature of this melancholy becomes clearer, once one asks the  question, with whom does the historical writer of historicism actually  empathize. The answer is irrefutably with the victor. Those who  currently rule are however the heirs of all those who have ever been  victorious. Empathy with the victors thus comes to benefit the current  rulers every time.
- Walter Benjamin
Gewinnen und verlieren sind nicht die Kategorien des Weltgeists. Ob jeder Augenblick seine revolutionäre Chance mit sich trägt; vermutlich stimmt das, doch was hat das schon zu bedeuten. Kein bloßes Warten auf Messias, Geschichte, Fortschritt jedenfalls. Kein bloßes Werkeln zugleich.
Revolutionen sind der Griff nach der Notbremse? Der unaufhaltsame, auf Trümmern und immer mehr Trümmern sich vollziehende Fortschritt ist demnach nicht die revolutionäre, voranpreschende Lokomotive, sondern müsste sein, die Beendigung des Entfaltungsdrucks, des Maximierungszwangs. Ein Stopp der Leichenberge; zu sich selbst gekommene Geschichtsphilosophie, die das Siegergeschreibsel endlich ablöst. Der paradiesische Sturm ist ausgeblasen - sobald die Religion Kapitalismus überwunden werden konnte.
Später aber wird dies überblickt werden..
Brecht notierte nach der Lektüre: „Man denkt mit Schrecken daran, wie  klein die Anzahl derer ist, die bereit sind, so was wenigstens  misszuverstehen.“

The nature of this melancholy becomes clearer, once one asks the question, with whom does the historical writer of historicism actually empathize. The answer is irrefutably with the victor. Those who currently rule are however the heirs of all those who have ever been victorious. Empathy with the victors thus comes to benefit the current rulers every time.

- Walter Benjamin

Gewinnen und verlieren sind nicht die Kategorien des Weltgeists. Ob jeder Augenblick seine revolutionäre Chance mit sich trägt; vermutlich stimmt das, doch was hat das schon zu bedeuten. Kein bloßes Warten auf Messias, Geschichte, Fortschritt jedenfalls. Kein bloßes Werkeln zugleich.

Revolutionen sind der Griff nach der Notbremse? Der unaufhaltsame, auf Trümmern und immer mehr Trümmern sich vollziehende Fortschritt ist demnach nicht die revolutionäre, voranpreschende Lokomotive, sondern müsste sein, die Beendigung des Entfaltungsdrucks, des Maximierungszwangs. Ein Stopp der Leichenberge; zu sich selbst gekommene Geschichtsphilosophie, die das Siegergeschreibsel endlich ablöst. Der paradiesische Sturm ist ausgeblasen - sobald die Religion Kapitalismus überwunden werden konnte.

Später aber wird dies überblickt werden..

Brecht notierte nach der Lektüre: „Man denkt mit Schrecken daran, wie klein die Anzahl derer ist, die bereit sind, so was wenigstens misszuverstehen.“


»Die Vorstellung vom Klassenkampf kann irreführen. Es handelt sich in ihm nicht um eine Kraftprobe, in der die Frage: wer siegt, wer unterliegt? entscheiden würde, nicht um ein Ringen, nach dessen Ausgang es dem Sieger gut, dem Unterlegenen aber schlecht gehen wird. So denken, heißt die Fakten romantisch vertuschen. Denn mag die Bourgeoisie im Kampfe siegen oder unterliegen, sie bleibt zum Untergang durch die inneren Widersprüche, die ihr im Laufe der Entwicklung tödlich werden, verurteilt. Die Frage ist nur, ob sie an sich selber oder durch das Proletariat zugrunde geht. Bestand oder das Ende einer dreitausendjährigen Kulturentwicklung werden durch die Antwort darauf entschieden. Geschichte weiß nichts von der schlechten Unendlichkeit im Bilde der beiden ewige ringenden Kämpfer. Nur in Terminen rechnet der wahre Politiker. Und ist die Abschaffung der Bourgeoisie nicht bis zu einem fast berechenbaren Augenblick der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung vollzogen (Inflation und Gaskrieg signalisieren ihn), so ist alles verloren. Bevor der Funke an das Dynamit kommt, muss die brennende Zündschnur durchschnitten werden. Eingriff, Gefahr und Tempo des Politikers sind technisch - nicht ritterlich.«

Walter Benjamin Einbahnstraße.

Bereits ein Anflug an Untergangssehnsucht?


let me never be complete.
(wie sehr sich doch die erfahrungsarmen danach sehnen, dass ihnen jemand die welt erklärt..)

let me never be complete.

(wie sehr sich doch die erfahrungsarmen danach sehnen, dass ihnen jemand die welt erklärt..)


Hermann Lotze (* 21. Mai 1817 in Bautzen; † 1. Juli 1881 in Berlin), der da meint:
Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths gehört … neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft. 
Zitiert nach Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, den diese Reflexion darauf führt, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat. Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können. Es schwingt, mit anderen Worten, in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit.

Hermann Lotze (* 21. Mai 1817 in Bautzen; † 1. Juli 1881 in Berlin), der da meint:

Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths gehört … neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.

Zitiert nach Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, den diese Reflexion darauf führt, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat. Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können. Es schwingt, mit anderen Worten, in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit.


»Eines der ersten Zeichen, daß der Haschisch zu wirken beginnt, ist ein dumpfes Ahnungs- und Beklommenheitsgefühl; etwas Fremdes, Unentrinnbares naht … Bilder und Bilderreihen, längst versunkene Erinnerungen treten auf, ganze Szenen und Situationen werden gegenwärtig, sie erregen zuerst Interesse, zuweilen Genuß, schließlich, wenn es kein Abwenden von ihnen gibt, Ermüdung und Pein.«
Walter Benjamin - Haschisch in Marseille.

W. Benjamins Geschichtsthesen drängen sich wieder auf: ”..die     Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.”

»Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths«, sagt  Lotze, »gehört - neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine  Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.« Diese Reflexion führt darauf,     daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert  ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat.     Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet     haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten  geben können. Es schwingt, mit andern Worten, in der Vorstellung des Glücks  unveräußerlich die der Erlösung mit. Mit der Vorstellung von Vergangenheit,  welche die Geschichte zu ihrer Sache macht, verhält es sich ebenso. Die  Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung  verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die  Früheren gewesen ist? ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein  Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern,  die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime  Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf  der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war,  eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit  Anspruch hat. Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen. Der historische  Materialist weiß darum.
[ … ]
Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf  Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die  Vergangenheit festzuhalten. ´Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen´ - dieses  Wort, das von Gottfried Keller stammt, bezeichnet im Geschichtsbild des  Historismus genau die Stelle, an der es vom historischen Materialismus  durchschlagen wird. Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit,  das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint     erkannte.

W. Benjamins Geschichtsthesen drängen sich wieder auf: ”..die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.”

»Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths«, sagt Lotze, »gehört - neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.« Diese Reflexion führt darauf, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat. Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können. Es schwingt, mit andern Worten, in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit. Mit der Vorstellung von Vergangenheit, welche die Geschichte zu ihrer Sache macht, verhält es sich ebenso. Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern, die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat. Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen. Der historische Materialist weiß darum.

[ … ]

Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten. ´Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen´ - dieses Wort, das von Gottfried Keller stammt, bezeichnet im Geschichtsbild des Historismus genau die Stelle, an der es vom historischen Materialismus durchschlagen wird. Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.


»Über den Kelchen, aus denen wir tranken, kreuzte der unsichtbare Tod schon seine knochigen Hände. Wir ahnten sie noch nicht. Manchmal blieben wir spät zusammen. Aus einer unerklärlichen Angst vor der Nacht erwarteten wir den Morgen. Aus einer unerklärlichen Angst, sagte ich eben, weil sie uns damals erklärlich zu sein schien; denn wir suchten die Erklärung in der Tatsache, dass wir jung waren, um die Nächte zu vernachlässigen. Indessen war es, wie ich erst später sah, die Angst vor den Tagen, genauer gesagt, vor den Vormittagen, den klarsten Zeiten des Tages. Da sieht man deutlich, und man wird auch deutlich gesehen. Und wir, wir wollten nicht deutlich sehen, und wir wollten auch nicht deutlich gesehen werden.«

Joseph Roth: Die Kapuzinergruft. S. 46.

Was hat uns der katholische Monarchist, der seine Pariser Exilszeit in den 30er Jahren mit systematischem sich zu Tode Saufen zubrachte, heute mitzuteilen? Sicherlich mehr als “rückwärtsgewandte Utopien” oder Trinker-Melancholie, wie die in der Legende vom heiligen Trinker formulierte Sehnsucht: Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod! Im Roman verliert sich die Mitteilbarkeit der Erfahrung und seine Geburtskammer ist das Individuum in seiner Einsamkeit, das sich über seine wichtigsten Anliegen nicht mehr exemplarisch auszusprechen vermag, selbst unberaten ist und keinen Rat geben kann. Und einen Roman schreiben heißt, in der Darstellung des menschlichen Lebens das Inkommensurable auf die Spitze treiben. Mitten in der Fülle des Lebens und durch die Darstellung dieser Fülle bekundet der Roman die tiefe Ratlosigkeit des Lebenden (Walter Benjamin). Nichts mehr an Erfahrung weitergeben zu können, in seiner Rat- und Sinnlosigkeit zu bestehen und fortzubestehen, ist eine Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen, wie sie in ihrer Schärfe kaum mehr zu überbieten ist. Es wird bei vorbildlichem Gebrauch dieses Mediums das Unbehagen zur Reflexion gedrängt. Oder es bleibt einfach bei Rat- und Sinnlosigkeit und alles beim Alten.


Nach der Lektüre des Walter Benjamin..

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“Im Café, beim Aperitif kam das Füllwerk der Information zustande.”

Walter Benjamin / Die Bohème.

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                brecht und benjamin.

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Dies erscheint mir im Augenblick als der zentrale Punkt bei Benjamin, die tatsächliche Quintessenz seinen Philosophie des Flaneurs.

Bei der kollektiven - und rauschhaften - Erfahrungssuche und Zusammenkunft der sich im Zustand der Erfahrungslosigkeit Befindlichen entfaltet sich die Dialektik der Information (vergleiche / Der Erzähler), die ihr verderbliches wie potentiell fortzuführendes Moment in sich trägt.

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Dazu weitere wichtige Lektüre:  / Erfahrung und Armut und die Rauschberichte / Über Haschisch.

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