Posts tagged "ideologie"

Im gewöhnlichen Leben handeln wir nicht nach Motivation, sondern nach Notwendigkeit, in einer Verkettung von Ursache und Wirkung; allerdings kommt immer in dieser Verkettung auch etwas von uns selbst vor, weshalb wir uns dabei für frei halten. Diese Willensfreiheit ist die Fähigkeit des Menschen, freiwillig zu tun, was er unfreiwillig will.

Robert Musil - Mann ohne Eigenschaften.

zitiert nach Clemens Nachtmann.


headfuck:

FFM // Bahnhofsviertel

Das notwendig falsche Bewusstsein bleibt eben immer auch notwendig wirkungsvoll.

headfuck:

FFM // Bahnhofsviertel

Das notwendig falsche Bewusstsein bleibt eben immer auch notwendig wirkungsvoll.



»Ja, man liebte die Dämmerung und das Geheimnisvolle mehr als die Klarheit und die Nüchternheit, man traute der Beschwörung mehr als der Analyse. Die Denker schätzte man hierzulande vor allem dann, wenn sie dichteten, und die Dichter, wenn sie nicht dachten. Der Missbrauch der lyrischen Form zur Flucht ins Undeutliche und ins Verschwommene, zum Rückzug ins Unkontrollierbare bis hin zu Müttern, war und ist bisweilen auch heute noch ein Erzübel unserer Literatur.‎«
Marcel Reich-Ranicki: Die Lyrik - brauchen wir sie wirklich?


Und da ich das Wort Arbeit ausgesprochen           habe, möchte ich darauf hinweisen, wie viel Törichtes heutzutage über           die Würde der körperlichen Arbeit geschrieben und gesagt wird. Körperliche Arbeit ist           durchaus nicht etwas, das Würde verleiht, zumeist ist sie absolut           erniedrigend. Irgend etwas zu tun, das man ohne Freude ausführt, ist           geistig und moralisch verwerflich, und viele Arbeiten sind völlig           freudlose Tätigkeiten und sollten auch als solche betrachtet werden.           Eine schmutzige Straßenkreuzung während acht Stunden des Tages bei           scharfem Ostwind zu fegen, ist eine widerliche Beschäftigung. Sie mit           geistiger, moralischer oder körperlicher Würde zu fegen, scheint mir           unmöglich. Sie mit Freude zu fegen, erscheint mir geradezu           ungeheuerlich. Der Mensch ist für Besseres geschaffen, als Dreck           aufzuwirbeln.

Oscar Wilde: Die Seele des Menschen im Sozialismus.

Und da ich das Wort Arbeit ausgesprochen habe, möchte ich darauf hinweisen, wie viel Törichtes heutzutage über die Würde der körperlichen Arbeit geschrieben und gesagt wird. Körperliche Arbeit ist durchaus nicht etwas, das Würde verleiht, zumeist ist sie absolut erniedrigend. Irgend etwas zu tun, das man ohne Freude ausführt, ist geistig und moralisch verwerflich, und viele Arbeiten sind völlig freudlose Tätigkeiten und sollten auch als solche betrachtet werden. Eine schmutzige Straßenkreuzung während acht Stunden des Tages bei scharfem Ostwind zu fegen, ist eine widerliche Beschäftigung. Sie mit geistiger, moralischer oder körperlicher Würde zu fegen, scheint mir unmöglich. Sie mit Freude zu fegen, erscheint mir geradezu ungeheuerlich. Der Mensch ist für Besseres geschaffen, als Dreck aufzuwirbeln.

Oscar Wilde: Die Seele des Menschen im Sozialismus.


my gentle lady 1967.
erinnert mich an Kafkas so sehr gelungenes Auf der Galerie und den Zusammenhang von Unterdrückung, Unschuld, Fetisch, Unbehagen und die Schwierigkeit von Befreiung:

Auf der Galerie
Wenn irgendeine hinfällige,  lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor  einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen  Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf  dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und  wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und  der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft  sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden  Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind -  vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch  alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das: Halt! durch die  Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.
Da es aber nicht  so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den  Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor,  hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet;  vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über  alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich  nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in  Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde  einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre  Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen  versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster  Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit  aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine  vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung  des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm  gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten  Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen  will - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die  Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend,  weint er, ohne es zu wissen.

my gentle lady 1967.

erinnert mich an Kafkas so sehr gelungenes Auf der Galerie und den Zusammenhang von Unterdrückung, Unschuld, Fetisch, Unbehagen und die Schwierigkeit von Befreiung:

Auf der Galerie

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind - vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das: Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.


»Alles dies ist unerläßlich«, erklärte der einäugige Doktor, »auf dem Unglück einzelner baut sich das Wohl der Allgemeinheit auf, so daß also das Glück der Gesamtheit um so größer ist, je mehr privates Unglück es gibt.« - Während er solchermaßen philosophierte, verfinsterte sich der Himmel.

Voltaire: Candide.

Paul Klee: Candide 1. Cap. chassa Candide du château à grands coups de pied dans la derrière, 1911.

Wenn dies die beste aller möglichen Welten ist, wie sind dann bloß die anderen?


.

Sonitus Eco / Zapatista Dub.

.


»Durch ungezählte Äderchen, die freilich alle im Interesse der ökonomischen Selbsterhaltung konvergieren dürften, wird alles harmlos. Nur das wenigste von dem, was ich denke, sage ich; nur das wenigste von dem was ich sage, schreibe und publiziere ich, und wer weiß, ob ich alles was ich zu denken hätte auch wirklich denke. Die politische Selbstzensur, die üben muß, wer nicht nicht zugrunde gehen oder wenigstens völlig ausgeschaltet werden will, hat eine immanente, wahrscheinlich unwiderstehliche Tendenz, in den unbewußten Zensurmechanismus und damit in die Verdummung überzugehen. Allein die Zentrierung meines Interesses in Ästhetik, die freilich meiner Neigung entspricht, hat zugleich etwas Ausweichendes, sich Entziehendes, Ideologisches noch vor allem Inhalt. Das Lähmende der ständigen Reflexion auf den Osten, der indirekt den Gedanken von diesem abhängig macht.«
Theodor W. Adorno (1960/2003): Graeculus (II), Notizen zu Philosophie und Gesellschaft 1943-1969. In: Frankfurter Adorno Blätter VIII. Hg. Rolf Tiedemann, München, S. 18 [Notiz vom Oktober 1960]

(Quelle: lf)


Die Alltagsreligion Antisemitismus als Verzerrung einer verzerrten Wahrnehmung (D. Claussen) und ihr immerwährender Ritus.

Die Alltagsreligion Antisemitismus als Verzerrung einer verzerrten Wahrnehmung (D. Claussen) und ihr immerwährender Ritus.


Gegen diejenigen, die das Kriegsspielzeug verbieten wollen und nur an die Symbole einer Gesellschaft rühren.

Gegen diejenigen, die das Kriegsspielzeug verbieten wollen und nur an die Symbole einer Gesellschaft rühren.